Tagesarchiv: 23. Februar 2011

22.02.2011: Einbalsamierte Leichen und eine grüne Mango

Zu unserem Hotelzimmer muss ich noch etwas sagen: Es ist nicht im kolonialen Stil gehalten wie das Relax-Zimmer, sondern ist modern eingerichtet. Unser Freund Hendrik aus Hamburg hätte seine Freude daran. Denn Laura Ashley lässt herzlich grüssen. Allerdings wäre der wunderbare, glänzende Holzdielenboden ihm wahrscheinlich zu dunkel. Gross ist das Zimmer auch. Der Hammer ist das hinter zwei Spiegeltüren versteckte Badezimmer, das – haltet Euch fest – knallrot gekachelt ist. Sensationell.

Jetzt aber Schluss mit der Schwärmerei übers Hotelzimmer. Heute ist Kultur angesagt: Nur bis um 10.15 Uhr ist Einlass beim wichtigsten nationalen Denkmals Vietnams, dem Ho Chi Minh-Mausoleum. In einem monumentalen tempelähnlichen neoneoklassizistischen Marmorgebäude liegt der einbalsamierte Körper des Revolutionsführers, der für das Land so wichtig war und bis heute ist. Wie einst Lenin wird er von den Vietnamesen verehrt. Weil es so viel sozialistisch-kommunistische Bauwerke immer weniger gibt, bin ich neugierig und gespannt.

Im Reiseführer steht etwas von einer riesiger Schlange vor dem Eingang, was auch für den heutigen Tag zutrifft und von Martin mit einem etwas langen Gesicht “kommentiert” wird. Doch seine Miene hellt sich schnell auf. Denn wie bisher alles in Vietnam, ist auch dies hier perfekt durchorganisiert und klappt wie am Schnürchen. Rasch kommen wir vorwärts und nähern uns, nachdem wir Kameras abgegeben haben, der beinahe heilig zu nennenden Säulenhalle. In weisser Uniform stehen Soldaten mit ernsten Gesichtern am Weg und passen auf, dass die Menge in geordneten Zweikonstellation dem Leichnam entgegen tritt. Ausserdem weisen sie Touristen zurecht, die ihre Hände in den Taschen haben, Kopfbedeckungen tragen, laut reden oder gar kichern und die zu langsam gehen.

In der Halle, die heruntergekühlt auf ca 17 Grad ist, geht’s dann auch schnell: Sechs Soldaten stehen um den Glassarg und bewachen eine gelblich schimmernde, in vietnamesischer Einheitstracht gekleidete Leiche mit Ziegenbärtchen. Ehrlich gesagt könnte der Leichnam auch eine Puppe oder Wachsfigur sein. Ich gucke mir das genauer an, verfalle in einen Schlendergang und werde deswegen aber sofort von einem Soldaten zum Weitergehen angepfiffen. Der Spuk ist nach ca zwei Minuten vorbei und wir sind wieder draussen.

Es wimmelt von Touris, auch von einheimischen und ich schaffe es, Martin zum Anschauen von weiteren Überbleibseln Ho Chi Minh zu bringen, so einem bescheidenen Stelzenhaus, in dem er gelebt haben soll oder seinem Fuhrpark, der aus zwei alten sowjetischen Limousinen sowie einem Peugeot 504 bestand.

Martin lächelt über die Bemerkung eines Touristenguides, der zu den Einzelbetten im Stelzenhaus anmerkt, dass der grosse Revolutionsführer nie mit einer Frau zusammengewesen sei, weil er mit der Revolution verheiratet gewesen sei …

Ein paar Fotos später, die wir vom riesigen Aufmarschfeld vor dem Tempel machen, setzen wir uns erst einmal in ein Cafė und nehmen eine Erfrischung zu uns. D
Wir gehen zurück in die Stadt durchs Botschaftenviertel und stossen zufälligerweise auch auf die deutsche, die sich relativ bescheiden ausnimmt im Gegensatz zu anderen wie der rumänischen oder indischen, die in riesigen kolonialen Villen untergebracht sind.

Obwohl Millionenstadt, sind die wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Gehweite zueinander. Denn wir landen wieder in der Altstadt und lassen uns im Gassengewirr umhertreiben. Von der Sonnenbrillenstrasse zur Gasse mit Plastikblumen, vom Weg mit goldenem Messinggeschirr zur Schneiderstrasse …

Am Nachmittag gehen wir Richtung Hotel, um unsere Einkäufe wie Bambusschalen und -töpfe und Lotustee abzulegen und ein kurzes Schläfle zu halten.

Als wir gegen vier wieder loswollen, melden sich Adrian und Alessandro, die auf dem Weg in unser Hotel zum High Tea sind. Wir warten auf sie und nehmen noch einen Salat gemeinsam ein – das reichhaltige Schoggibuffet geht heute einfach nicht mehr rein.

Unser zauberhafter Concierge des Sofitels hat uns auf unser Bitten Tickets für das berühmte Wasserpuppentheater organisiert, kurzfristig sogar für die beiden anderen Jungs.

Das Theater und die komplette Darbietung ist eine ziemliche Touristengeschichte, ist aber dennoch witzig. In einem Wasserbassin treten verschiedene Holzpuppen auf und erzählen verschiedene kleine Geschichtchen, wie der Kampf mit einem Drachen, oder der Reisernte. An unsichtbaren Seilen und Gestängen, die verborgen vom Wasser sind, werden die Puppen geführt (ist natürlich nur meine Vermutung, da eigentlich strengstens geheim!).

Martin und ich sitzen in der ersten Reihe und bekommen alles hautnah mit. Wir kommen manchmal ins Schmunzeln, weil alles sehr einfach und platt ist. Aber es ist dennoch interessant. Die Reisbauern im Norden haben das Wasser, in dem sie tagtäglich arbeiteten, vor Jahrhunderten als Bühne entdeckt und hatten die Idee dafür.

Obwohl wir nicht immer alle Einzelheiten verstehen, ist es recht kurzweilig, da das Theaterspiel von einem kleinen Orchester und Sängerinnen begleitet wird und für asiatisches Flair sorgt.

Nach einem Apėro im einschlägigen Etablissement GC-Club (enttäuschend, aber vielleicht waren wir auch zu früh, was bedeutet nochmal “GC”? ;-) ), landen wir im “Green Mango”, einem recht edel wirkenden Restaurant. Andere Gaststätten haben schon zu – in Vietnam wird früh zu Abend gegessen. In diesem schicken Teil essen wir fast ein bisschen westlich, Martin freut sich über das stylische WC… Wir gehören zu den letzten Gästen, als wir das Restaurant um halb elf verlassen.

Von hier an trennen sich unsere Wege endgültig: Alessandro und Adrian haben Ausflüge in die Halong-Bucht und dem Äquivalent auf Landseite gebucht, während uns der nächste Tag aus der Kühle Hanois in die Wärme des Südens bringen soll.

Was die Halong-Bucht angeht, die ich ja unbedingt sehen wollte, haben wir uns schweren Herzens dagegen entschlossen – nicht wegen des tragischen Unfalls eines Touristenbootes, bei dem ein paar Tage vorher zwölf Menschen umgekommen sind, sondern wegen des schlechten Wetters. Martin verspricht mir aber, dass er mich zum 50. Geburi wieder nach Vietnam bringt, um das nachzuholen. In Business natürlich mindestens. :-) ))